„Verifizierung des CO2-Fußabdrucks“ und „klimaneutraler Druck“ sind zwei völlig verschiedene Dinge
Eine der häufigsten Fragen, die mir Einkäufer stellen, lautet: Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen? Ich verstehe, warum es zu Verwechslungen kommt. Vertriebsmitarbeiter präsentieren sie in ihren Pitches oft auf derselben Seite, als ob das Erreichen des einen automatisch das andere bedeuten würde
Die Verifizierung des CO2-Fußabdrucks bezieht sich auf die Prüfung und Bestätigung des gesamten Carbon Footprints eines Druckerzeugnisses durch eine unabhängige Prüfstelle (wie SGS, BSI oder Bureau Veritas) gemäß der Norm ISO 14067 – von den Rohstoffen über die Herstellung und den Transport bis hin zur Entsorgung (Lebenszyklus). Das Ergebnis der Verifizierung ist ein „Product Carbon Footprint (PCF)-Bericht“, der aufzeigt, wie viele Kilogramm CO₂e pro Stück dieser Visitenkarten oder Faltschachteln emittiert wurden. Es handelt sich um ein Messwerkzeug: Nach der Messung sind die Emissionen immer noch vorhanden, sie verschwinden nicht
Klimaneutraler Druck hingegen bedeutet, dass nach der genauen Berechnung der Emissionen diese zunächst durch Reduktionsmaßnahmen gesenkt und die verbleibenden Mengen anschließend durch den Kauf von CO2-Zertifikaten (Carbon Offsets) oder Aufforstungsprojekte ausgeglichen werden. Dadurch wird der „Netto-CO2-Fußabdruck“ dieses Druckauftrags rechnerisch auf null gesetzt. Es ist eine Ausgleichsaktion. Voraussetzung dafür ist, dass man weiß, wie viel ausgeglichen werden muss. Die Verifizierung des CO2-Fußabdrucks ist daher ein zwingend erforderlicher erster Schritt für den klimaneutralen Druck
Kurz gesagt: Eine Verifizierung bedeutet nicht automatisch Klimaneutralität. Und wenn ein Druckprodukt als klimaneutral beworben wird, ohne dass konkrete verifizierte Zahlen vorliegen, handelt es sich fast sicher um Greenwashing

Wo verstecken sich die CO2-Emissionen von Druckerzeugnissen hauptsächlich?
Viele denken, eine Druckerei lasse nur Maschinen laufen und trage Farbe auf, weshalb der CO2-Ausstoß nicht so hoch sein könne. In der Realität und basierend auf meinen Beobachtungen in den Produktionslinien setzt sich der CO2-Fußabdruck eines Druckauftrags in der Regel wie folgt zusammen:
・ Papier (Rohpapier): Macht in der Regel 40–60 % des gesamten CO2-Fußabdrucks aus und ist somit die größte Einzelquelle. Der Prozess von der Holzernte über die Zellstoffherstellung bis zur Papiererzeugung ist extrem energie- und wasserintensiv. Bei gleichem Flächengewicht hat Recyclingpapier zwar einen geringeren CO2-Fußabdruck als Frischfaserpapier, aber der Unterschied ist oft nicht so extrem, wie es die Marketingabteilungen darstellen. Es kommt stark auf Herkunftsland und Herstellungsprozess an
・ Stromverbrauch im Druckprozess: Dazu gehören Druckmaschinen, Trocknungsanlagen und die Klimatisierung der Produktionshallen. Dieser Anteil hängt direkt davon ab, ob die Druckerei Ökostrom oder Solarenergie nutzt. Er lässt sich durch den Wechsel der Energiequelle relativ leicht senken
・ Druckfarben und Hilfsstoffe: Farben auf Wasserbasis haben einen geringeren CO2-Fußabdruck als lösemittelbasierte Farben. UV-Farben erfordern eine andere Berechnungsmethode. Auch Hilfsstoffe (Lacke, Klebstoffe, Druckplatten) summieren sich auf beachtliche Mengen
・ Transport: Der Weg vom Lieferanten zur Druckerei und von der Druckerei zum Kunden. Diese Emissionen hängen von der Distanz und dem Transportmittel ab. Innerhalb Taiwans sind sie meist gering, aber wenn das Rohpapier aus dem Ausland importiert wird, darf dieser Faktor nicht vernachlässigt werden
Die ISO 14067 verlangt, all diese Faktoren von der Wiege bis zum Werkstor („Cradle-to-Gate“) oder sogar von der Wiege bis zur Bahre („Cradle-to-Grave“) zu berücksichtigen. Es reicht nicht aus, nur die Betriebsstunden der Druckmaschinen zu bilanzieren
Wie setzen Druckereien Klimaneutralität um? Drei Wege mit sehr unterschiedlichen Anforderungen und Glaubwürdigkeiten
Die meisten Druckereien, die in der Branche Klimaneutralität anstreben, nutzen eine Kombination aus den folgenden drei Wegen:
・ Reduzierung der Emissionen im Produktionsprozess: Austausch energieintensiver Anlagen, Umstellung auf LED-UV-Druck (spart ca. 40–60 % Strom im Vergleich zur konventionellen Heißlufttrocknung), Abwärmenutzung sowie Reduzierung von Makulatur und Plattenausschuss. Dies senkt die tatsächlichen Emissionen und ist der nachhaltigste Weg
・ Einkauf von Ökostrom: Erwerb von Herkunftsnachweisen für erneuerbare Energien (wie T-REC) oder Abschluss von Stromabnahmeverträgen (PPA). Dadurch sinkt der CO2-Emissionsfaktor des in der Fabrik verbrauchten Stroms. Da die Anerkennung durch die verschiedenen Zertifizierungsstellen jedoch variiert, sollten Einkäufer vom Anbieter eine klare Erklärung zur Anrechnungslogik verlangen
・ Kompensation durch CO2-Zertifikate: Kauf verifizierter Emissionsreduktionen (z. B. VCS, Gold Standard) bei zugelassenen Stellen, um nicht vermeidbare Restemissionen auszugleichen. Dieser Markt befindet sich in Taiwan noch in der Anfangsphase, und die Qualität der Zertifikate variiert stark. Ich empfehle Einkäufern dringend, genau zu hinterfragen, um welches Projekt es sich handelt und wer es zertifiziert hat
Eine wirklich überzeugende klimaneutrale Druckerei geht alle drei Wege parallel und belegt die Zahlen in jedem Schritt mit Verifizierungsberichten. Wer sich allein auf den Zukauf von CO2-Zertifikaten verlässt, ohne Verifizierungsberichte vorlegen zu können, verliert an Glaubwürdigkeit

Welche Dokumente sollten Sie vor der Auftragsvergabe vom Lieferanten anfordern?
Das ist die häufigste Frage, die mir bei der Bewertung von grünem Einkauf für Kunden gestellt wird. Ich habe eine Checkliste für die Auftragsvergabe bei MINDS (Premium-Akzidenzdruck nach Maß) zusammengestellt, die Einkäufer direkt nutzen können:
・ Unabhängiger Verifizierungsbericht nach ISO 14067: Fordern Sie den spezifischen Product Carbon Footprint (PCF) für das jeweilige Druckerzeugnis an, nicht den allgemeinen CSR-Bericht des Unternehmens. Der Bericht muss den Stempel der Prüfstelle, eine klare Definition der funktionellen Einheit (z. B. pro Stück oder pro kg) und ein Gültigkeitsdatum enthalten
・ Erklärung der Systemgrenzen: Prüfen Sie, ob im Bericht klar definiert ist, welche Bereiche einbezogen und welche ausgeschlossen wurden. Wenn eine Druckerei nur den Stromverbrauch der Druckmaschinen erfasst, das Rohpapier jedoch weglässt, hat ein solcher Bericht mit sehr engen Systemgrenzen kaum Aussagekraft
・ Nachweis der Klimaneutralitätserklärung: Wenn ein Anbieter Klimaneutralität garantiert, fordern Sie den Namen des Zertifizierers und die Seriennummer der CO2-Zertifikate an. Diese können Sie auf der Website des jeweiligen Standardgebers überprüfen, um sicherzustellen, dass die Zertifikate entwertet (stillgelegt) wurden und nicht mehrfach verwendet werden
・ Nachweise über Ökostrom: Kopien von T-REC-Zertifikaten oder PPA-Verträgen, um die Herkunft des im Werk verbrauchten Ökostroms zu belegen
・ Historische Reduktionsdaten des Herstellers: Fragen Sie nach den jährlichen Daten zur Emissionsintensität (z. B. CO2-Emissionen pro 10.000 Ries Papier). So sehen Sie, ob der Betrieb tatsächlich Emissionen reduziert oder seine Weste jedes Jahr nur durch den Zukauf von Zertifikaten reinwäscht
Bei grünen ESG-Projekten stellt MINDS den Kunden proaktiv die verifizierte Zusammenfassung des CO2-Fußabdrucks zur Prüfung zur Verfügung, ohne dass der Einkauf extra danach fragen muss. Meiner Meinung nach ist dies eine Mindestleistung, die ein seriöser Anbieter erbringen sollte
Wie erkennt man Greenwashing? Achten Sie auf diese Warnsignale
Die Methoden des Greenwashings werden immer subtiler. Doch einige typische Merkmale sind nach wie vor deutlich erkennbar:
・ Die Behauptung „klimaneutraler Druck“, ohne einen unabhängigen Verifizierungsbericht vorlegen zu können – oft gibt es nur selbst erstellte Grafiken oder mündliche Zusagen
・ Der vorgelegte CO2-Bericht bezieht sich auf das gesamte Unternehmen und nicht speziell auf das jeweilige Druckerzeugnis
・ Unklare Herkunft der CO2-Zertifikate oder Nutzung von Waldschutzprojekten, die wegen mangelnder Zusätzlichkeit (Additionality) in der Kritik stehen
・ Der Verifizierungsbericht is abgelaufen. Da eine Verifizierung nach ISO 14067 in der Regel zeitlich begrenzt ist, ist die Verwendung eines drei Jahre alten Berichts für ein neues Druckerzeugnis fachlich nicht haltbar
・ Es wird lediglich der Einsatz von „Öko-Papier“ oder „Farben auf Wasserbasis“ betont, ohne die tatsächlichen Auswirkungen auf die CO2-Emissionen zu beziffern
Reagiert ein Lieferant bei der Nachfrage nach diesen Dokumenten ausweichend oder verweist auf „Geschäftsgeheimnisse“, ist das bereits ein Warnsignal. Anbieter, die sich ernsthaft für Nachhaltigkeit engagieren, scheuen die Vorlage dieser Dokumente nicht
Wenn Sie für Ihren ESG-Bericht belastbare Zahlen benötigen, der Lieferant aber nicht einmal die funktionelle Einheit sauber benennen kann, empfehle ich, den Partner zu wechseln. Es lohnt sich nicht, auf die Nachreichung von Unterlagen zu warten

Zusammenfassung
・ Die Verifizierung des CO2-Fußabdrucks (ISO 14067) ist ein Instrument zur Messung von Emissionen und senkt diese nicht selbst. Klimaneutraler Druck ist die eigentliche Ausgleichsaktion. Beide stehen in einer Ursache-Wirkungs-Beziehung und dürfen nicht verwechselt werden
・ 40–60 % der CO2-Emissionen eines Druckerzeugnisses entfallen auf das Rohpapier. Dieser Bereich ist schwerer zu kontrollieren als der Stromverbrauch der Maschinen und verdient bei der Papierauswahl besondere Aufmerksamkeit
・ Die Glaubwürdigkeit einer Klimaneutralitätserklärung hängt von drei Faktoren ab: dem Vorliegen eines unabhängigen Verifizierungsberichts, der Rückverfolgbarkeit der CO2-Zertifikate und dem Nachweis echter eigener Reduktionsmaßnahmen statt reinem Zertifikatekauf
・ Fordern Sie bei der Vergabe von grünen Druckaufträgen einen Verifizierungsbericht nach ISO 14067 für das konkrete Produkt anstelle allgemeiner CSR-Unterlagen des Unternehmens an
・ Das häufigste Merkmal für Greenwashing lautet „große Versprechungen, wenig Belege“. Jede Klimaneutralitätserklärung ohne überprüfbare Seriennummer einer unabhängigen Stelle sollte hinterfragt werden
Denkanstöße
Aus Sicht der Einkaufspraxis beschränken sich die ESG-Anforderungen der meisten Unternehmen derzeit noch darauf, eine Druckerei mit Umweltzertifikat zu finden. Das reicht jedoch nicht mehr aus. Die Emissionen in der Lieferkette (Scope 3) werden zunehmend zur Berichtspflicht für führende Marken und börsennotierte Unternehmen. Künftig muss der Einkauf nicht nur belegen, dass gehandelt wurde, sondern auch, wie viel emittiert wurde, wer dies geprüft hat und wie die Berechnung erfolgte
Konkrete nächste Schritte:
・ Aufbau einer Lieferanten-Emissionsdatenbank: Fordern Sie ab diesem Jahr von jedem wichtigen Druckpartner einen jährlichen Verifizierungsbericht an. Auch wenn dieser jetzt noch nicht vorliegt, nehmen Sie diese Anforderung in Ihre nächste Ausschreibung (RfQ) auf, um den Dienstleistern Ihre Ausrichtung zu signalisieren
・ Unterscheidung zwischen „Umweltversprechungen“ und „berichtspflichtigen Daten“: Recyclingpapier, Farben auf Wasserbasis und FSC-Zertifizierungen sind positiv, zählen in der ESG-Berichterstattung jedoch zur qualitativen Beschreibung und können nicht direkt als Emissionswert verbucht werden. Der Einkauf muss wissen, wo diese Nachweise in der ESG-Meldung hingehören
・ Zusammenarbeit mit quantifizierungsfähigen Partnern: Wenn Ihr Unternehmen Klimaneutralitätsziele verfolgt, sollten Sie schon jetzt Partnerschaften mit Druckereien aufbauen, die verifizierte Daten liefern können. Eine Suche kurz vor dem Stichtag führt meist zu überteuerten Angeboten, Zeitdruck und unvollständigen Unterlagen
Für Designer gilt: Integrieren Sie bereits in der Konzeptphase den Vergleich von CO2-Emissionen verschiedener Bedruckstoffe in die Materialauswahl. Dies hilft dem Kunden, schon bei der Designentscheidung auf emissionsarme Optionen zu setzen, statt nach dem Druck festzustellen, dass der CO2-Fußabdruck das Limit überschreitet
FAQ
- Was ist der Unterschied zwischen einem Verifizierungsbericht nach ISO 14067 und einem CSR-Nachhaltigkeitsbericht?
- Ein Verifizierungsbericht nach ISO 14067 ist ein unabhängiges Auditdokument für den CO2-Fußabdruck eines bestimmten Produkts (z. B. einer Charge von Faltschachteln) mit einer konkreten funktionellen Einheit, Systemgrenzen und Zahlen. Ein CSR-Nachhaltigkeitsbericht hingegen legt die Umweltleistung des gesamten Unternehmens offen und wird meist intern erstellt. Beide haben ihren Zweck, aber für den ESG-Einkauf ist Ersterer erforderlich, da Letzterer nicht direkt zur Deklaration von Druckprodukt-Emissionen genutzt werden kann
- Ist die Aussage eines Herstellers richtig, dass die Verwendung von Recyclingpapier automatisch „klimaneutral“ bedeutet?
- Nein, das ist nicht korrekt. Der Einsatz von Recyclingpapier senkt zwar die Emissionen in der Rohstoffphase, führt jedoch allein nicht zur Klimaneutralität des gesamten Druckauftrags. Eine Klimaneutralitätserklärung erfordert eine vollständige Verifizierung des CO2-Fußabdrucks sowie eine entsprechende Kompensation der verbleibenden Emissionen. Fehlt einer dieser Schritte, darf das Produkt nicht als klimaneutral bezeichnet werden
- Welche Prüfstellen in Taiwan führen ISO 14067-Verifizierungen für Druckerzeugnisse durch?
- In Taiwan bieten akkreditierte unabhängige Prüfgesellschaften wie SGS, BSI, Bureau Veritas und SGS TÜV Verifizierungsdienstleistungen für den CO2-Fußabdruck nach ISO 14067 an. Einkäufer können sich direkt an diese Organisationen wenden, um Informationen zu Leistungsumfang und Gebühren zu erhalten
- Wie lässt sich die Echtheit und Gültigkeit der CO2-Zertifikate für klimaneutrale Drucke überprüfen?
- Fordern Sie vom Anbieter den Namen des Zertifizierungsprogramms (z. B. Verra VCS, Gold Standard) und die Seriennummer der Zertifikate an. Prüfen Sie den Status dieser Seriennummer im öffentlichen Register des jeweiligen Standardgebers, um sicherzustellen, dass die Zertifikate stillgelegt wurden, nicht von anderen genutzt werden und dass das zugrundeliegende Projekt die Kriterien der Zusätzlichkeit (Additionality) erfüllt
- In welchem Bereich der ESG-Berichterstattung eines Unternehmens müssen die CO2-Emissionen aus dem Druckeinkauf ausgewiesen werden?
- Nach dem GHG Protocol (Greenhouse Gas Protocol) gehört der Druckeinkauf zu Scope 3 (indirekte Emissionen in der Wertschöpfungskette) in der Kategorie „Eingekaufte Waren und Dienstleistungen“. Wenn ein Unternehmen diesen Bereich ausweisen möchte, benötigt es die konkreten CO2-Fußabdruckdaten des Lieferanten; eine reine Eigenschätzung ist dafür nicht ausreichend
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