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Siegwerks Ökostrom-Ziel: Scope-2-Steuerung in der Druckfarben-Lieferkette

Diese Fallstudie analysiert den Druckfarbenhersteller Siegwerk, der 2025 das dritte Jahr in Folge weltweit zu 100 % mit erneuerbarem Strom betrieben wurde, und entschlüsselt dessen Umsetzungsstrategie sowie die institutionelle Strukturierung. Mittels Literaturanalyse und Mechanismusprüfung wird das Zusammenspiel von Grünstrom-Zertifikate-Mix und absoluten Reduktionszielen untersucht sowie Forschungslücken auf Ebene der Midstream-Zulieferer identifiziert. Die Analyse zeigt, dass eine 100-prozentige Ökostromquote kein Endziel der Dekarbonisierung darstellt, sondern das Fundament für absolute Scope-1- und Scope-2-Reduktionszusagen bildet

麥策知識學院 | Academy Founder Hung Tsung-Yuan

Siegwerks Ökostrom-Ziel: Scope-2-Steuerung in der Druckfarben-Lieferkette
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Einleitung: Warum die Offenlegung von Energiedaten bei Midstream-Lieferanten ein Forschungsthema darstellt

Der Schwerpunkt der CO2-Steuerung in der Verpackungs- und Drucklieferkette verlagert sich zunehmend von den Markeninhabern hin zu den Midstream-Materiallieferanten und Druckereien. Das hat direkte Konsequenzen: Segmente wie Druckfarben, Bedruckstoffe und Druckverarbeitung, die traditionell rein als Kostenfaktoren betrachtet wurden, müssen nun prüffähige Energie- und Emissionsdaten vorlegen. Ein im August 2026 veröffentlichter Fall zeigt, dass der Druckfarbenhersteller Siegwerk für das Jahr 2025 eine weltweite Versorgung aller Betriebsstandorte mit 100 % Ökostrom bestätigt und dieses Niveau damit das dritte Jahr in Folge gehalten hat [1]

Dieses Thema besitzt sowohl praktische als auch akademische Relevanz. Aus Branchensicht pflanzt sich die Scope-2-Bilanz eines Druckfarbenherstellers entlang der Wertschöpfungskette fort: Der upstream anfallende Strommix für die von Druckereien bezogenen Druckfarben fließt direkt in deren Scope-3-Emissionen ein. Aus akademischer Sicht konzentriert sich die bisherige Nachhaltigkeitsliteratur primär auf strategische Narrative von Markenkonzernen sowie Scoring-Tools im Einkauf. Eine mechanistische Aufschlüsselung darüber, wie verarbeitende Zulieferer ihren Umstieg auf erneuerbare Energien in der Praxis zusammenstellen, fehlt bislang weitgehend

Die vorliegende Untersuchung identifiziert drei Forschungslücken:

・Erstens differenziert die bestehende Literatur zu wenig zwischen der „Ökostrom-Abdeckungsquote“ und der „absoluten Emissionsreduktion“, wodurch eine 100-prozentige Abdeckung fälschlicherweise oft mit einer abgeschlossenen Dekarbonisierung gleichgesetzt wird

・Zweitens ist der Instrumentenmix zur Erreichung von 100 % Abdeckung (Photovoltaik-Eigenanlagen, Grünstromtarife, Ökostromanbieter, ungebündelte Herkunftsnachweise) hinsichtlich seiner Dekarbonisierungswirkung keineswegs gleichwertig; dennoch analysieren Fallstudien diesen Portfolio-Aufbau selten im Detail

・Drittens fehlt für kleine und mittlere Druckereien in Taiwan eine systematische Diskussion darüber, wie sich die Energietransformation internationaler Lieferanten in konkrete Kriterien bei Ausschreibungen übersetzt

Daraus leiten sich drei Kernbeiträge dieser Arbeit ab, die jeweils einem Hauptkapitel entsprechen:

・Dekonstruktion des Instrumentenmixes und der zeitlichen Abfolge bei Siegwerk sowie die Differenzierung zwischen Abdeckungsquoten und absoluten Reduktionszielen (siehe Kapitel „Instrumentenmix und Aufgabenteilung der Indikatoren“)

・Synthese der Nachhaltigkeitsstrategien auf Markenseite und der Bewertungsmodelle im Einkauf zur Verortung der Forschungslücke auf Ebene der Midstream-Lieferanten (siehe Kapitel „Literatur- und Bestandsaufnahme“)

・Übertragung der Mechanismen in konkrete Handlungsschritte für kleine und mittlere Druckereien, Designstudios sowie Marken in Taiwan inklusive operativer Prozesse und Zeitpläne (siehe Kapitel „Implikationen für die taiwanesische Design- und Druckbranche“)

Einleitung: Warum die Offenlegung von Energiedaten bei Midstream-Lieferanten ein Forschungsthema darstellt|Siegwerks Ökostrom-Ziel: Scope-2-Steuerung in der Druckfarben-Lieferkette Abschnittsbild

Literatur- und Bestandsaufnahme: Drei Stränge und eine Lücke

Die bisherige Diskussion lässt sich in drei Stränge unterteilen, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, den Energie-Governance-Mechanismus von Midstream-Farblieferanten jedoch nicht direkt behandeln

Erster Strang: Organisationsanalyse von Nachhaltigkeitsstrategien auf Markenebene. Diese Arbeiten untersuchen Konsumgüterkonzerne und analysieren, wie Nachhaltigkeitsverpflichtungen in Unternehmensstrategie und operative Entscheidungen eingebettet werden, etwa anhand von Fallstudien zur Unilever-Nachhaltigkeitsstrategie [3]. Der Beitrag dieser Studien liegt darin, interne Treiber und Governance-Strukturen von Markenzielen aufzudecken. Ihre Analyseeinheit verbleibt jedoch beim Markenunternehmen selbst; vorgelagerte Umsetzungsmechanismen in der Lieferkette werden meist als externe Rahmenbedingungen behandelt. Die vorliegende Arbeit verlagert die Analyseeinheit auf die Zuliefererebene, um zu untersuchen, welche Instrumente Upstream-Lieferanten kombinieren müssen, um Zusagen der Markenkunden operativ zu erfüllen

Zweiter Strang: Grüner Einkauf und Lieferanten-Scoring-Modelle. Dieser Forschungsstrang widmet sich standardisierten Bewertungsinstrumenten auf der Beschaffungsseite, beispielsweise Studien zum grünen Einkauf bei Infrastrukturprojekten mittels EcoVadis-Modell [5]. Der Wert dieser Literatur liegt im Nachweis, dass Nachhaltigkeitsleistungen in vergleichbare Scores überführt werden und in Vergabeentscheidungen einfließen. Die Einschränkung: Scoring-Modelle sind rein nachfrageseitige Screening-Werkzeuge und erklären nicht, wie die Angebotsseite die bewerteten Leistungen konkret erbringt. Die vorliegende Arbeit schließt hier an und analysiert den Realisierungspfad aus Sicht des bewerteten Unternehmens

Dritter Strang: Branchenliteratur zu Farbtechnologie und Fertigungsprozessen. Bisherige Veröffentlichungen zu Siegwerk konzentrieren sich vor allem auf Prozesstechnik und regionale Geschäftsaktivitäten, wie die Markteinführung des wasserlosen Rollenoffsetdrucks (Waterless Web Offset) [2] oder Berichte über die Niederlassung in Südafrika [4]. Diese Literatur belegt Siegwerks langfristiges technologisches Engagement, stammt jedoch überwiegend aus den Jahren 2008 bis 2009. Ihr Fokus lag auf Technik und Marktanteilen, während Fragen der Energiestruktur unberücksichtigt blieben. Diese Studie verlagert den Analysefokus von der Prozesstechnik auf die Strombeschaffungsstruktur und ergänzt die Governance-Entwicklung der jüngeren Vergangenheit

Die gemeinsame Lücke aller drei Stränge: Es fehlt an einer mechanistischen Aufarbeitung des Instrumentenmixes, mit dem Midstream-Zulieferer 100 % Ökostrom erreichen, sowie der qualitativen Unterschiede in der realen CO2-Minderungswirkung. Die vorliegende Fallstudie zu Siegwerk setzt genau an dieser Schnittstelle an

Begriffsdefinitionen

Um eine einheitliche Begrifflichkeit im gesamten Text sicherzustellen, werden zunächst drei Schlüsselbegriffe definiert, die im weiteren Verlauf verbindlich verwendet werden

・Scope-2-Emissionen (Scope 2 emissions): Indirekte Treibhausgasemissionen aus dem Bezug von eingekauftem Strom, Dampf sowie Wärme oder Kälte. In einer Druckerei fallen darunter beispielsweise der Stromverbrauch für Druckmaschinen, Trocknungssysteme und Hallenklimatisierung

・Ökostrom-Abdeckungsquote (renewable electricity coverage): Der prozentuale Anteil des jährlichen Stromverbrauchs einer Organisation, der buchhalterisch durch Grünstromattribute gedeckt wird. Eine 100-prozentige Abdeckung bedeutet, dass der bilanzielle Strombezug vollständig durch Herkunftsnachweise hinterlegt ist; dies ist nicht gleichbedeutend damit, dass jede physisch aus dem Stromnetz bezogene Kilowattstunde im selben Moment aus erneuerbaren Quellen stammt

・Ungebündelte Herkunftsnachweise (unbundled energy attribute certificates): Grünstrom-Zertifikate, die getrennt vom physischen Stromhandel gehandelt werden. Ihre tatsächliche Dekarbonisierungswirkung ist in Wissenschaft und Praxis umstritten, da ihr Erwerb nicht zwingend den Zubau neuer Anlagen für erneuerbare Energien auslöst

Begriffsdefinitionen|Siegwerks Ökostrom-Ziel: Scope-2-Steuerung in der Druckfarben-Lieferkette Abschnittsbild

Instrumentenmix und Aufgabenteilung der Indikatoren: Vier Wege zum Ziel

Der Kernwert des Falls Siegwerk liegt in der Erkenntnis, dass eine 100-prozentige Ökostromquote das Ergebnis eines Portfolios unterschiedlich wirkender Instrumente ist und nicht auf einer Einzelmaßnahme beruht. In diesem Abschnitt wird zunächst der Instrumentenmix dekonstruiert und anschließend die Aufgabenteilung zwischen Abdeckungsquote und absolutem Reduktionsziel analysiert

Paralleler Einsatz von vier Instrumentengruppen. Primärquellen zufolge startete Siegwerk seine Ökostrom-Transformation im Jahr 2021, erreichte 2023 erstmals die weltweite 100-prozentige Abdeckung mit Strom aus erneuerbaren Energien und hielt dieses Niveau bis 2025 drei Jahre in Folge [1]. Der Maßnahmenmix umfasst vier parallele Säulen: Photovoltaik-Eigenanlagen am Standort (On-Site Solar), Grünstromtarife (Renewable Energy Tariffs), Lieferverträge mit Ökostromanbietern (Renewable Energy Providers) sowie den Zukauf ungebündelter Herkunftsnachweise [1]

Zwischen diesen vier Hebeln besteht ein deutliches Gefälle bei der tatsächlichen Minderungswirkung – dies ist eine zentrale Analyseperspektive der vorliegenden Arbeit. PV-Aufdachanlagen schaffen direkt neue Erzeugungskapazitäten und verändern die Netzstruktur real. Grünstromtarife und Versorgungsverträge folgen an zweiter Stelle, abhängig davon, ob die Verträge Neuanlagen fördern. Ungebündelte Zertifikate weisen die schwächste Minderungswirkung auf, da sie zeitlich und räumlich völlig vom physischen Stromverbrauch entkoppelt sein können. Angesichts des kurzen Zeitfensters von nur zwei Jahren zwischen dem Start 2021 und dem Erreichen 2023 lässt sich bei einem multinationalen Konzern ableiten, dass dieses Tempo kaum allein durch eigene Anlagen realisierbar war. Es ist daher plausibel, dass Zertifikate und Tarifmodelle in der Anfangsphase das Hauptgewicht trugen. Dies ist eine analytische Schlussfolgerung anhand der zeitlichen Abläufe; die genaue prozentuale Aufteilung der einzelnen Instrumente wird in den Primärquellen nicht offengelegt

Nach der Quote zählt die absolute Reduktion. Siegwerk hat sich das Ziel gesetzt, die Scope-1- und Scope-2-Emissionen bis 2030 gegenüber dem Basisjahr 2020 um 60 % zu senken und gleichzeitig die jährliche 100-prozentige Ökostromabdeckung beizubehalten [1]. Das Nebeneinander dieser beiden Kennzahlen hat systemischen Charakter: Die absolute Senkung um 60 % ist ein mengenbezogenes Versprechen, die 100 % Abdeckung ein attributives. Ersteres lässt sich nicht allein durch Letzteres erreichen

Alina Marm, Global Head of Sustainability bei Siegwerk, stellte klar, dass zur Zielerreichung über die Strombeschaffung hinaus konsequent Energieeffizienzmaßnahmen, operative Optimierungen und Verhaltensänderungen vorangetrieben werden [1]. Diese Aussage verdeutlicht analytisch, dass attributive Instrumente an ihre Leistungsgrenze stoßen: Sobald die bilanzielle Abdeckung 100 % beträgt, kann jede weitere Scope-2-Minderung nur noch durch eine Senkung des realen Stromverbrauchs erzielt werden, nicht durch den Zukauf weiterer Zertifikate

Institutionelle Verankerung: Grüner Fonds und jährliche Bestätigung. Siegwerk richtete einen zweckgebundenen „Green Fund“ ein, um Nachhaltigkeits- und Emissionsminderungsprojekte an weltweiten Standorten zu beschleunigen, darunter Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien [1]. Durch einen solchen Fonds wird der Klimaschutz aus dem regulären Budgetwettbewerb herausgelöst, was das Risiko verringert, dass diese Budgets in wirtschaftlichen Abschwungphasen als Erstes gekürzt werden

Ein weiteres wesentliches Detail ist die Formulierung „drei Jahre in Folge“ [1]. Die Definition der Abdeckung als jährlich neu zu erbringende Verpflichtung anstelle eines einmaligen Projekterfolgs spiegelt die jährliche Berichtslogik von Rating-Plattformen wie CDP und EcoVadis wider. Eine einmalige Zielerreichung lässt sich im Einkauf nicht in einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil ummünzen

Der Weitergabemechanismus: Wie Scope 2 der Lieferanten zur Eintrittskarte für Druckereien wird

In diesem Abschnitt wird untersucht, wie sich die Energiebilanz vorgelagerter Lieferanten entlang der Lieferkette fortsetzt und für Druckbetriebe zu einer handfesten Markteintrittshürde wird. Die Argumentation basiert auf unserer Analyse; die Primärquelle liefert die faktische Ausgangsbasis auf Lieferantenseite

Verschiebung der Scope-Zuordnung. Die Scope-2-Emissionen eines Druckfarbenherstellers fließen in der Treibhausgasbilanz der Druckerei in die Kategorie Scope 3 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen) ein. Die Scope-2-Emissionen der Druckerei wiederum stellen für deren Markenkunden ebenfalls Scope 3 dar. Durch diese Kaskade verbessert jede Minderung auf einer Stufe die Kennzahlen der nachgelagerten Stufen; umgekehrt wird jede Datenlücke zu einem Berichtshindernis für die nachfolgenden Partner

Standardisierung von Beschaffungsinstrumenten. Die Literatur zum grünen Einkauf belegt, dass die Nachhaltigkeitsperformance von Lieferanten über standardisierte Scoring-Modelle direkt in Vergabeentscheidungen einfließt [5]. Wenn diese Ratings nicht mehr als Zusatzplus, sondern als Mindestanforderung fungieren, unterscheidet sich ein Lieferant nicht mehr dadurch, „ob er Nachhaltigkeit betreibt“, sondern „ob er geforderte Daten fristgerecht im passenden Format liefern kann“. Dies erzeugt bei kleinen und mittleren Verarbeitungsbetrieben primär einen administrativen und datentechnischen Druck, keinen unmittelbaren Investitionsdruck

Asymmetrische Risikoverteilung. Nachhaltigkeitsversprechen von Markenkonzernen sind hochgradig öffentlich [3]; deren Verfehlung schadet direkt der Unternehmensreputation. Verarbeitungsbetriebe im Mittelfeld der Kette hingegen riskieren bei fehlenden Daten nicht primär einen Reputationsschaden, sondern den Verlust von Aufträgen. Diese Asymmetrie treibt Markeninhaber dazu, Offenlegungspflichten strikt an die Zulieferer durchzureichen, während deren Verhandlungsspielraum gering bleibt

Ein kontrastierender Vergleich. Als globaler Druckfarbenkonzern verfügt Siegwerk über die Ressourcen für einen zweckgebundenen Fonds und internationale Grünstrombeschaffung [1]. Die meisten Druckereien in Taiwan sind KMU ohne internationale Stromeinkaufsstrukturen oder eigene Nachhaltigkeitsabteilungen. Daraus ergeben sich zwingend unterschiedliche Strategien: Großkonzerne können dem Pfad „Zertifikate zuerst, physische Optimierung folgt“ nachgehen. Würden kleine Druckbetriebe unüberlegt Zertifikate zukaufen, entstünden Kosten ohne echten Wettbewerbsvorteil, da Scoring-Modelle reinen Zertifikatskäufen ohne reale Verbrauchsdaten meist nur geringe Anerkennung beimessen

Der Weitergabemechanismus: Wie Scope 2 der Lieferanten zur Eintrittskarte für Druckereien wird|Siegwerks Ökostrom-Ziel: Scope-2-Steuerung in der Druckfarben-Lieferkette Abschnittsbild

Handlungsempfehlungen für die taiwanesische Design- und Druckindustrie

Dieser Abschnitt übersetzt die beschriebenen Mechanismen in konkrete Maßnahmen für drei Akteursgruppen und unterscheidet dabei zwischen sofort notwendigen Schritten und aufschiebbaren Maßnahmen

Für kleine und mittlere Druckereien: Zuerst die Datenbasis aufbauen, dann Ökostromoptionen prüfen

・Phase 1 (Monat 1 bis 3, primär Personalaufwand): Monatliche Verbrauchs-Baseline erstellen. Anhand von Stromrechnungen wird der Stromverbrauch in Gebäudetechnik (Beleuchtung, Klimatechnik) und Produktionsstrom (Druckmaschinen, Trockner, Weiterverarbeitung) aufgeteilt und über mindestens 12 Monate erfasst. Dieser Schritt erfordert keine Sachinvestitionen, ist aber die Grundvoraussetzung für alle Kundenabfragen

・Phase 2 (Monat 3 bis 6): Nachhaltigkeitsdaten und CO2-Fußabdruck-Erklärungen bei Hauptlieferanten für Druckfarben und Papier anfordern. Der Mehrwert: Wenn Lieferanten wie Siegwerk 100 % Ökostrom nutzen [1], verbessert dieser Wert direkt die Scope-3-Bilanz der Druckerei – eine bilanzielle Aufwertung zum Nulltarif

・Phase 3 (Monat 6 bis 12): Auf Basis der realen Baseline die Wirtschaftlichkeit von PV-Dachanlagen oder Ökostromtarifen prüfen. Die Reihenfolge darf keinesfalls umgekehrt werden: Ohne valide Baseline lässt sich bei Kundenfragebögen keine nachweisbare Einsparung belegen

・Feste Verankerung im Druckfreigabeprozess: Es empfiehlt sich, in die bestehende Druckdaten- und Auftragskontrolle (neben Beschnitt, Farbprofilen und Vektorisierung von Schriften) einen festen Prüfschritt „Nachhaltigkeitsdaten-Archivierung“ einzubauen. Gültige Zertifikate und Datenblätter der Lieferanten werden direkt auftragsbezogen abgelegt. Der Aufwand ist minimal, verkürzt aber im Fall plötzlicher Kundenanfragen die Reaktionszeit von Wochen auf wenige Tage

Für das Design: Spezifikationsentscheidungen steuern den Energieverbrauch im Druck

Die in der Gestaltungsphase festgelegte Anzahl an Druckfarben, Sonderfarben sowie Veredelungsschritte wie Lackierung oder Heißfolienprägung bestimmen direkt den Energiebedarf und die Rüstzeiten (Plattenwechsel) an der Druckmaschine. Grafikdesigner müssen keine Emissionsfaktoren berechnen, sollten sich jedoch eine Faustregel aneignen: Jede zusätzliche Veredelung, die Druckgänge erhöht, muss einen klaren funktionalen oder markenrelevanten Mehrwert bieten. Zudem hilft es, bei Nachhaltigkeitsanforderungen von Markenkunden frühzeitig mit der Druckerei prozessreduzierte Alternativen abzustimmen, statt nach der Reinzeichnung Korrekturschleifen drehen zu müssen

Für Markenunternehmen: Neben Vertragsklauseln auch die reale Datenkompetenz der Lieferanten prüfen

Wenn Nachhaltigkeitsziele lediglich über Vertragsklauseln an Zulieferer weitergereicht werden [3], ohne deren tatsächliche Datenfähigkeit zu evaluieren, führt dies oft nur zu formal konformen Dokumenten statt realer Emissionsminderung. Marken sollten Lieferanten nach zwei Dimensionen bewerten: dem aktuellen Leistungsstand und der Fähigkeit, verlässliche, prüffähige Daten termingerecht bereitzustellen. Letzteres trennt bei KMU die Spreu vom Weizen und spiegelt die Machbarkeit einer langfristigen Partnerschaft realistisch wider

Fazit und Grenzen der Untersuchung

Beantwortung der Forschungsfragen. Die Untersuchung des Falls Siegwerk hinsichtlich der Mechanismen zum Erreichen einer 100-prozentigen Ökostromabdeckung bei Midstream-Zulieferern führt zu drei zentralen Ergebnissen

Erstens setzt sich die 100-prozentige Ökostromquote aus vier qualitativ unterschiedlichen Instrumenten zusammen: PV-Eigenanlagen, Grünstromtarife, Verträge mit Ökostromanbietern und ungebündelte Herkunftsnachweise [1]. Da deren reale Dekarbonisierungswirkung stark divergiert, darf die Klimaschutzleistung eines Unternehmens nicht anhand einer einzigen Kennzahl beurteilt werden

Zweitens bilden Abdeckungsquote und absolutes Reduktionsziel ein arbeitsteiliges Verhältnis. Siegwerk verpflichtet sich parallel dazu, die Scope-1- und Scope-2-Emissionen bis 2030 um 60 % gegenüber 2020 zu senken und die 100 % Quote jährlich zu erneuern [1]. Dies verdeutlicht: Ist die bilanzielle Quote ausgereizt, müssen weitere Reduktionen zwingend aus Energieeffizienz und operativen Prozessverbesserungen stammen [1]

Drittens erzeugt dieser Trend für kleine und mittlere Druckereien in Taiwan keinen unmittelbaren Investitionsdruck in Anlagen, sondern primär einen Druck zur Datenoffenlegung. Die rationale Priorisierung lautet daher: Zuerst eine Stromverbrauchs-Baseline aufbauen, danach Optionen zur Ökostrombeschaffung prüfen

Erste Einschränkung: Datenbasis beruht auf einem einzelnen Branchenbericht ohne Verifizierung durch Dritte. Die faktischen Beschreibungen zu Siegwerk stützen sich auf einen Fachmedienbericht [1], der weder die genaue Verteilung der einzelnen Instrumente an der Gesamtabdeckung noch Herkunftsmärkte oder Jahrgänge der Zertifikate offenlegt; auch lagen keine durch Dritte geprüften Emissionsdaten vor. Daher lässt sich der relative Beitrag realer Einsparungen gegenüber bilanziellen Zukäufen nicht quantifizieren. Rückschlüsse auf die Gewichtung der Instrumente stellen eine zeitliche Plausibilitätsanalyse dar und besitzen keine empirische Beweiskraft

Zweite Einschränkung: Einseitige Literaturabdeckung und zeitliche Lücken. Die heranziehbaren akademischen Publikationen zu Siegwerk konzentrieren sich auf Prozesstechnik und regionale Aktivitäten aus den Jahren 2008 bis 2009 [2][4]. Zwischen diesen und den Energiethemen von 2025 klafft eine Lücke von rund 15 Jahren, weshalb sich die kontinuierliche Entwicklung der Nachhaltigkeits-Governance nicht lückenlos nachzeichnen lässt. Die Literatur zu Marken und Einkauf [3][5] stammt zudem aus der Konsumgüter- und Infrastrukturbranche; eine Übertragung auf die Druckindustrie muss daher mit gebotener Vorsicht erfolgen

Dritte Einschränkung: Die Analyse für Taiwan stellt eine mechanistische Extrapolation ohne empirische Feldprüfung dar. Die Handlungsempfehlungen für taiwanesische Druck-KMU wurden aus den Übertragungsmechanismen der Lieferkette abgeleitet, jedoch nicht durch Vor-Ort-Erhebungen validiert. Schätzungen zu Phasen, Zeiträumen und Kostenstrukturen spiegeln Branchenerfahrungen wider und sind keine Messwerte

Zukünftige Forschungsrichtungen. Drei konkrete Ansätze bieten sich an:

・Erstens: Befragungen oder Interviews mit kleinen und mittleren Druckereien in Taiwan zur Erfassung von Häufigkeit, Fragentypen und Bearbeitungsaufwand bei Kundenabfragen, um die These „Datenkompetenzdruck wiegt schwerer als Kapitaldruck“ empirisch zu überprüfen

・Zweitens: Vergleich der realen Bewertungsergebnisse von Lieferanten mit unterschiedlichen Ökostrom-Portfolios in standardisierten Scoring-Modellen [5], um den Beschaffungswert einzelner Instrumente zu quantifizieren

・Drittens: Nachverfolgung der jährlichen Emissionsdaten von Siegwerk bis zum Zieljahr 2030, um bei bereits erreichter 100-prozentiger Abdeckung die tatsächliche Herkunft der absoluten Einsparungen zu analysieren

Fazit und Grenzen der Untersuchung|Siegwerks Ökostrom-Ziel: Scope-2-Steuerung in der Druckfarben-Lieferkette Abschnittsbild

Kernpunkte

・Siegwerk sicherte 2025 das dritte Jahr in Folge eine weltweite 100-prozentige Versorgung aller Standorte mit Ökostrom; umgesetzt wurde dies durch die parallele Nutzung von PV-Eigenanlagen, Grünstromtarifen, Ökostromlieferanten und ungebündelten Herkunftsnachweisen

・100 % Ökostromabdeckung ist eine bilanzielle Eigenschaft; die Senkung der Scope-1- und Scope-2-Emissionen um 60 % bis 2030 ist eine absolute Verpflichtung – Letzteres lässt sich nicht allein durch Ersteres erreichen

・Die Scope-2-Performance von Upstream-Lieferanten fließt direkt in die Scope-3-Bilanz nachgelagerter Druckereien ein; das Einfordern von Nachhaltigkeitsnachweisen der Lieferanten ermöglicht somit eine bilanzielle Verbesserung zum Nulltarif

・Für kleine und mittlere Druckereien in Taiwan liegt der unmittelbare Druck in der Datenoffenlegung, nicht in Anlageninvestitionen; der logische Ablauf erfordert zunächst eine 12-monatige Stromverbrauchs-Baseline, bevor über Ökostrombezug entschieden wird

・Entscheidungen im Design bezüglich Farbanzahl, Lackierung und Heißfolienprägung sind direkte Energieentscheidungen; Alternativen zur Prozessreduzierung müssen vor der Reinzeichnung und nicht erst danach diskutiert werden

Weiterführende Überlegungen

Für die industrielle Druckproduktion lenkt dieser Fall den Fokus auf das Prinzip der „jährlichen Erneuerung“: Nachhaltigkeitsleistung wandelt sich vom einmaligen Projekt zum permanenten jährlichen Liefergegenstand. Druckereien benötigen daher reproduzierbare Datenprozesse statt einmaliger Beratungsberichte. Auf Designseite verlagert die Klimadebatte prozesstechnische Entscheidungen, die früher der Druckerei oblagen, weit nach vorne in die Entwurfsphase; die Spezifikationskompetenz von Gestaltern erhält damit einen neuen strategischen Wert. Für den Einsatz von KI und SaaS-Entwicklungen zeigt sich eine klare Marktlücke: KMU-Druckereien fehlen Werkzeuge, um Stromrechnungen, Produktionsaufträge und Lieferantenzertifikate automatisiert in kundenkonforme Berichtsformate zu überführen – ein ideales Einsatzfeld für strukturierte Datenextraktion und Dokumentengenerierung. Zwei offene Fragen bleiben: Erstens ist die genaue Gewichtung einzelner Ökostrominstrumente in gängigen Scoring-Modellen intransparent, was kostenoptimale Investitionsentscheidungen erschwert; zweitens fehlen empirische Daten zur realen Berichtsbelastung taiwanesischer Druckereien, wodurch belastbare Grundlagen für Förderpolitik und Tool-Entwicklung fehlen

Literaturverzeichnis

[1] Energietransformation in der Druckindustrie: Praxisanalyse von Siegwerks 100-%-Ökostromziel

[2] Siegwerk starts volume production for waterless web offset. Pigment & Resin Technology. DOI: 10.1108/prt.2008.12937eab.020

[3] Sustainability at Unilever. Cases in Strategy. DOI: 10.1093/hebz/9780198943402.003.0009

[4] Ink, Heart & Soul from Siegwerk South Africa. Pigment & Resin Technology. DOI: 10.1108/prt.2009.12938dab.015

[5] Green Procurement and Sustainability in Infrastructure Projects: Employing the EcoVadis Model. Journal of Procurement & Supply Chain. DOI: 10.53819/81018102t2539

FAQ

Wie hat Siegwerk die 100 % erneuerbare Energie erreicht?
Siegwerk startete die Transformation 2021, erreichte 2023 erstmals weltweit 100 % Ökostromabdeckung und hielt dieses Niveau bis 2025. Dies gelang durch vier parallele Maßnahmen: Photovoltaik-Eigenanlagen am Standort, Grünstromtarife, Strombezug über Ökostromanbieter und den Erwerb ungebündelter Herkunftsnachweise. Die genaue prozentuale Verteilung der einzelnen Instrumente gibt das Unternehmen nicht öffentlich bekannt
Bedeutet eine 100-prozentige Ökostrom-Abdeckungsquote null CO2-Emissionen?
Nein. Die Ökostromquote bezieht sich ausschließlich auf den eingekauften Strom (Scope 2) und schließt weder direkte Brennstoffemissionen (Scope 1) noch die Lieferkette (Scope 3) ein. Siegwerks zusätzliches Ziel, die Scope-1- und Scope-2-Emissionen bis 2030 um 60 % gegenüber 2020 zu senken, unterstreicht, dass nach Erreichen der Quote weitere Einsparungen über Energieeffizienz und operative Optimierungen erfolgen müssen
Welche Schritte sollten kleine und mittlere Druckereien in Taiwan jetzt zuerst unternehmen?
Zunächst sollte eine 12-monatige Stromverbrauchs-Baseline erstellt werden, indem Stromrechnungen nach Betriebs- und Produktionsstrom aufgeschlüsselt werden – dies erfordert keine Investitionen, ist aber Voraussetzung für alle Kundenberichte. Im zweiten Schritt sollten Nachhaltigkeitsnachweise bei Farb- und Papierlieferanten angefordert werden, um die eigene Scope-3-Bilanz zu verbessern. Eigene PV-Anlagen oder Grünstromverträge sollten erst nach Vorliegen der Baseline geprüft werden
Warum beeinflusst die Ökostromleistung eines Druckfarbenherstellers die Auftragsvergabe bei Druckereien?
Die Scope-2-Emissionen des Farblieferanten gehen in der Treibhausgasbilanz der Druckerei als Scope-3-Emissionen (eingekaufte Waren und Dienstleistungen) ein; die Daten der Druckerei wiederum bilden das Scope 3 für Markenunternehmen. Internationale Marken reichen Berichtspflichten über standardisierte Bewertungsmodelle entlang der Lieferkette weiter. Können Druckereien keine Daten liefern, droht ihnen direkt der Verlust von Aufträgen
Was ist der Unterschied zwischen ungebündelten Herkunftsnachweisen und eigenen Solaranlagen?
Eigene Photovoltaikanlagen am Standort schaffen physisch neue Erzeugungskapazitäten für erneuerbare Energien und verändern das Stromnetz nachhaltig. Ungebündelte Herkunftsnachweise sind vom physischen Stromfluss getrennt und können zeitlich sowie räumlich völlig entkoppelt sein, weshalb ihre Minderungswirkung schwächer ist. In der reinen Ökostrombilanz zählen beide gleich, in den meisten Beschaffungs-Ratings und bei der qualitativen Dekarbonisierungsbewertung jedoch nicht
Topic guideDer ultimative Leitfaden für Druckverfahren: Wie Sie zwischen Digital-, Offset-, Sieb- und Buchdruck richtig wählen und Kosten sparenThis article is part of the seriesRead the guide
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