Warum brauchen Unternehmen eine einheitliche ESG-Richtlinie für den Print-Einkauf?
Gleich vorweg das Fazit: Ohne schriftliche Vorgaben wird selbst die beste Nachhaltigkeitsabsicht vom täglichen Beschaffungstrott geschluckt
Diese Szene erlebe ich in Kundengesprächen ständig: Das Branding-Team fordert Recyclingpapier, der Einkauf klagt über höhere Materialkosten, die Druckerei verweist auf ihre FSC-Zertifizierung – und am Ende sind alle drei Seiten mit dem Ergebnis unzufrieden. Beim nächsten Projekt beginnt die Diskussion wieder von vorn. Das Problem liegt nicht am fehlenden Engagement, sondern daran, dass kein verbindliches Dokument existiert, an dem sich alle orientieren können
Ein mittelständisches Unternehmen mit einem gewissen jährlichen Druckvolumen trifft pro Jahr gut zwei- bis dreißigmal Entscheidungen über Visitenkarten, Flyer, Kataloge, Verpackungen oder Eventmaterialien. Jedes Mal spontan zu fragen, ob diesmal umweltfreundliche Materialien genutzt werden sollen, heißt, die eigene ESG-Haltung jedes Mal neu auszuhandeln. So wird Nachhaltigkeit nie zur Gewohnheit
Die Mai Strategy Wissensakademie hat die Kernelemente erfolgreicher Kundenrichtlinien zusammengefasst: Einzelne Anforderungen werden in einem zentralen ESG-Leitfaden für Druckerzeugnisse gebündelt, der Einzelfallentscheidungen durch feste Regeln ersetzt. Eine solche Richtlinie muss nicht sofort den maximalen Standard anstreben, sollte aber alle Druckerzeugnisse abdecken und den Zuständigen bei Problemen klare Orientierung bieten

Papierauswahl und Zertifizierungen: Wie formuliert man Vorgaben, die keine leeren Hüllen bleiben?
Papier macht in der Regel 40 bis 60 Prozent des gesamten CO₂-Fußabdrucks eines Druckerzeugnisses aus. Hier anzusetzen bringt den direktesten Effekt
Wir empfehlen folgende Priorisierung:
・Priorität 1: Frischzellstoffpapier mit FSC- oder PEFC-Zertifizierung aus nachvollziehbarer Forstwirtschaft
・Priorität 2: Recyclingpapier mit einem verbindlich festgelegten Altpapieranteil von mindestens 50 %
・Ausnahmeregelungen: Für Spezialanwendungen wie wasserfeste Etiketten oder Lebensmittelverpackungen mit abweichenden Zertifikaten ist eine separate Ausnahmeliste zu führen. Ausnahmen dürfen nicht zur Regel werden
Zertifizierungsanforderungen müssen konkret formuliert sein. Floskeln wie „bevorzugt umweltfreundliche Materialien verwenden“ bringen nichts. Besser sind klare Vorgaben:
・Lieferanten müssen über eine gültige FSC-CoC-Zertifizierung (Chain of Custody) verfügen; abgelaufene Nachweise werden nicht akzeptiert
・Der Einkauf überprüft bei der jährlichen Aktualisierung der Lieferantenliste die Gültigkeit der Zertifikate
・Zertifikatsnachweise werden fester Vertragsbestandteil, nicht nur mündliche Zusagen
Ein häufiger Denkfehler: Bilderdruckpapier einfach durch Naturpapier zu ersetzen und dies als ESG-Maßnahme zu verkaufen. Das ändert lediglich die Haptik, ist aber keine Nachhaltigkeit. Die ökologische Qualität von Papier bemisst sich an der Zertifizierung und der Rohstoffherkunft, nicht an einer matten oder glänzenden Oberfläche
Mindestauflagen, Überarbeitungen und Belegmuster: Wie gestaltet man praxistaugliche Regeln?
Diese drei Stellschrauben gehören zu den am leichtesten optimierbaren, aber am häufigsten übersehenen Hebeln zur CO₂-Reduktion im Druckbereich
Mindestauflagen
Der CO₂-Ausstoß pro Stück ist bei Kleinstauflagen um ein Vielfaches höher als bei Großauflagen. Verbindliche Mindestauflagen verhindern unnötige Nachbestellungen:
・Visitenkarten: Mindestbestellmenge 50 Stück, keine Nachdrucke in Einzelauflagen
・Flyer und Kataloge: Bündelung der Druckaufträge auf Quartalsbasis; Nachdrucke von Kleinauflagen sind unzulässig
・Eventmaterialien: Endgültige Freigabe der Auflagen und Daten 30 Tage vor der Veranstaltung; spontane Motivänderungen bedürfen der Freigabe durch die Geschäftsführung
Was wie administrative Kontrolle aussieht, dient im Kern der Vermeidung von Makulatur. Einen 3.000er-Katalog wegen zwei geänderten Zeilen komplett neu zu drucken – solche Fälle habe ich bei Kunden schon oft erlebt, und jedes Mal blutet einem das Herz wegen des Papiers im Altpapiercontainer
Überarbeitungen und Nachdrucke
Überarbeitungen brauchen Triftigkeit, Nachdrucke eine fundierte Datenbasis:
・Bei Layoutänderungen unter 20 % wird kein Neudruck veranlasst; Korrekturen erfolgen per Einleger oder digital
・Vor jedem Nachdruck ist der Lagerbestand zu prüfen. Liegt die Restmenge bei über 30 % der Vorauflage, wird kein Nachdruck genehmigt
・Begründung und Freigabe jedes Nachdrucks werden dokumentiert und fließen in das jährliche ESG-Audit für Drucksachen ein
Belegmuster
Viele Unternehmen verzichten darauf, dabei bilden Belegmuster das Fundament für Lieferanten-Audits und Qualitätstracking:
・Von jeder Auflage werden 2 bis 3 Belegmuster aufbewahrt und mit Angaben zu Papierspezifikation, Farbwiedergabe und Veredelung archiviert
・Die Muster werden mit Druckereiname, Produktionsdatum und Versionsnummer versehen
・Die Aufbewahrungsfrist beträgt mindestens ein Jahr, abgestimmt auf den Überarbeitungszyklus

Lieferantenanforderungen und Überverpackung: Wie steuert der Einkauf effektiv?
Beim Lieferantenmanagement klafft oft die größte Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Zertifikatsanforderungen im Vertrag nützen nichts, wenn sie nie geprüft werden
Folgende vier Dokumentenarten sollten Lieferanten verbindlich vorlegen:
・Gültiges FSC-/PEFC-Chain-of-Custody-Zertifikat (jährlich zu aktualisieren)
・Sicherheitsdatenblätter der Druckfarben zum Nachweis niedriger VOC-Werte (flüchtige organische Verbindungen)
・Nachweise zur ordnungsgemäßen Entsorgung von Abwasser und Lösemitteln
・Übersicht zum Energieverbrauch oder CO₂-Profil (stufenweise Erfüllung möglich, jedoch mit jährlicher Berichtspflicht)
Erfordert man diese Dokumente zum ersten Mal, können viele kleinere und mittlere Druckereien ein bis zwei davon vorlegen; alle vier schaffen auf Anhieb meist nur 30 bis 40 Prozent. Hier braucht es Übergangsfristen mit klaren Nachreichterminen statt unbegrenzter Nachsicht
Vorgaben gegen Überverpackung
Die Transportverpackung von Druckerzeugnissen ist bei Unternehmen eine der Hauptquellen für versteckten Müll. Bei der Anlieferung von Katalogen wird oft Unmengen an Luftpolsterfolie und Plastik verwendet – nach dem Auspacken bleibt meist mehr Verpackungsmüll als Druckware übrig. Folgende Regeln schaffen Abhilfe:
・Verbot von Einweg-Schaumstoff und PVC-Verpackungsmaterialien; Umstellung auf wiederverwertbare Wellpappe-Kartons
・Kein Einzel-Einschweißen bei einfarbigen Drucksachen; Nutzung von Bündelpapier
・Kennzeichnungspflicht der Verpackungsmaterialien zur fachgerechten Entsorgung beim Empfänger
Für die Druckereien bedeutet diese Umstellung kaum Mehraufwand, reduziert das Verpackungsmüllaufkommen beim Unternehmen aber rasch um 30 bis 50 Prozent
Wenn Sie gerade eigene Einkaufsrichtlinien für Drucksachen aufbauen, unterstützt MINDS Sie gerne mit konkreten Checklisten für Lieferanten-Audits, um die Umsetzung praxistauglich zu gestalten
Ausmusterung und Recycling: Wie schließt sich der ESG-Kreislauf?
Die Entsorgung ist der am häufigsten übersprungene Baustein – dabei entscheidet sie darüber, ob eine Richtlinie wirklich durchgängig greift
Ausmusterungen treten meist in zwei Szenarien auf, die unterschiedlich gehandhabt werden müssen:
・Restbestände durch Layoutänderungen oder Eventende: Prüfen Sie zuerst Umnutzungsmöglichkeiten – veraltete Gutschein-Flyer lassen sich nach Abtrennen des Aktionsfelds etwa als Verpackungspolster oder Notizpapier nutzen. Erst wenn keine Wiederverwendung möglich ist, geht das Papier ins Recycling
・Ausschuss durch Qualitätsmängel oder Fehldrucke: Hier muss die Verantwortlichkeit geklärt sein. Mangelhafte Ware liegt in der Entsorgungsverantwortung der Druckerei
Unterschiedliche Materialien verlangen unterschiedliche Recyclingwege:
・Standard-Drucksachen aus Papier (Bilderdruck-, Naturpapier): Gehören ins Altpapierrecycling, niemals in den Restmüll
・Druckerzeugnisse mit Folienkaschierung, Heißfolienprägung oder UV-Relieflack: Verbundstoffe lassen sich im Altpapierprozess nicht trennen. Sie gehören in der Richtlinie als „nicht recyclebar“ eingestuft und müssen über zertifizierte Entsorgungsfachbetriebe oder in Absprache mit der Druckerei verwertet werden
Ein weiteres oft vergessenes Detail: Anlaufmakulatur und Andruckabfälle in der Druckerei fallen zwar in den Verantwortungsbereich des Dienstleisters, aber Unternehmen können vertraglich Transparenz über deren Entsorgungswege einfordern. Das erhöht die Nachvollziehbarkeit in der Lieferkette und liefert fundierte Daten für den eigenen ESG-Bericht
Richtlinien erstellt man nicht für die Schublade. Ein jährliches ESG-Audit im Printbereich – mit Abgleich der Einhaltung und Erfassung von Ausnahmen – bringt das Regelwerk dauerhaft zum Leben

Das Wichtigste auf einen Blick
・Das Kernproblem bei ESG im Printbereich sind nicht fehlende Öko-Materialien, sondern das Fehlen einheitlicher Richtlinien als Entscheidungsgrundlage für den Einkauf
・Zertifizierungsanforderungen müssen konkret sein (gültige FSC-CoC-Zertifikate). Unverbindliche Floskeln wie „bevorzugt umweltfreundlich“ verpuffen wirkungslos
・Verbindliche Mindestauflagen und eine Schwelle von 20 % für Layoutänderungen sind die schnellsten und kostengünstigsten Hebel gegen Papierverschwendung
・Vorgaben zur Reduzierung von Verpackungsmüll lassen sich von Unternehmen leicht durchsetzen und werden von Druckereien problemlos akzeptiert
・Entsorgung und Recycling schließen die ESG-Kette. Dass veredelte Drucksachen nicht ins normale Altpapier gehören, ist vielen Unternehmen bis heute unklar
Weiterführende Überlegungen
Die Einstiegshürde für ein solches Regelwerk ist niedriger als gedacht: Starten Sie mit den zwei bis drei am häufigsten genutzten Druckprodukten, verankern Sie Papierstandards sowie Mindestauflagen und testen Sie das Ganze sechs Monate lang. Passen Sie die Regeln an Praxiserfahrungen an und nehmen Sie erst nach einem Jahr komplexe Themen wie CO₂-Daten der Lieferanten oder Entsorgungsnachweise auf. Schritt für Schritt führt das verlässlicher zum Ziel als ein überladener Start
Für Designer bedeutet die Kenntnis von ESG-Vorgaben der Kundenseite einen echten Vorteil: Wer Material- und Auflagenempfehlungen bereits im Angebot mitdenkt, berät Kunden nicht nur gestalterisch, sondern unterstützt sie bei strategischen Einkaufsentscheidungen – ein Differenzierungsmerkmal, das viele Kreative noch unterschätzen
Für SaaS-Anbieter und Print-Management-Plattformen bietet die digitale Erfassung, Versionskontrolle und Auditierung solcher Richtlinien einen Kundenzugang mit deutlich höherer Bindung als reine Bestellfunktionen
FAQ
- Wo sollten kleine und mittlere Unternehmen ansetzen, wenn sie ESG-Richtlinien für Drucksachen einführen wollen?
- Beginnen Sie mit den zwei bis drei am häufigsten benötigten Drucksachen. Formulieren Sie auf einer Einzelseite klare Anforderungen an Papierzertifikate (FSC-CoC) und Mindestauflagen. Testen Sie diese Regeln sechs Monate lang in der Praxis, bevor Sie weitere Produkte und Lieferanten-Audits hinzunehmen. Wer sofort alles auf einmal will, setzt am Ende oft gar nichts um
- Worin unterscheiden sich FSC- und PEFC-Zertifizierungen, und welche gehört in die Unternehmensrichtlinie?
- Sowohl der FSC (Forest Stewardship Council) als auch das PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification) sind international anerkannte Systeme für nachhaltige Waldwirtschaft. Beide verlangen lückenlose Nachweise über die Papierherkunft (Chain of Custody). Da der FSC-Standard weit verbreitet ist, empfiehlt sich FSC-CoC als Basisnorm, wobei PEFC als gleichwertig anerkannt werden kann. Ein Verlangen beider Zertifikate gleichzeitig ist nicht notwendig
- Warum lassen sich Drucksachen mit Heißfolienprägung oder Folienkaschierung nicht recyceln, und wie geht man damit um?
- Metallfolien bei Prägungen und Kunststofffolien bei Kaschierungen lassen sich im Standard-Recyclingverfahren nicht vom Papier trennen und verunreinigen den Altpapierstrom. In der Richtlinie sollten solche Erzeugnisse als „nicht recyclebarer Abfall“ eingestuft und über zertifizierte Entsorgungsfachbetriebe entsorgt werden, anstatt im normalen Papiermüll zu landen
- Welchen praktischen Nutzen hat die Aufbewahrung von Belegmustern in einer ESG-Richtlinie für Drucksachen?
- Belegmuster dienen als verlässlicher Nachweis für die Qualitätsprüfung und als Referenz bei Lieferanten-Audits. Bei Abweichungen in Farbe, Material oder Verarbeitung lässt sich anhand archivierter Muster die Verantwortlichkeit eindeutig klären. Es empfiehlt sich, pro Auflage 2 bis 3 Muster mit Angaben zu Druckerei, Datum und Version für mindestens ein Jahr aufzubewahren
- Was tun, wenn Druckdienstleister geforderte ESG-Nachweise nicht vorlegen wollen oder können?
- Bei der erstmaligen Abfrage des vollständigen Dokumentensatzes (Zertifikate, Farbspezifikationen, Abwasserentsorgung) können erfahrungsgemäß 30 bis 40 Prozent der kleineren Druckereien sofort alle Unterlagen liefern. Gewähren Sie den übrigen Betrieben angemessene Fristen (z. B. 60 Tage nach Vertragsschluss). Werden die Nachweise danach nicht erbracht, rücken bei künftigen Ausschreibungen Anbieter nach vorn, die transparente Unterlagen vorlegen
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