Welche Bereiche umfasst der Carbon Footprint von Druckerzeugnissen?
In den letzten Wochen habe ich mehrere Lohnbetriebe und Druckereien besucht – überall das gleiche Bild: Man rotierte heftig, um den von Kunden geforderten CO2-Emissionsdaten hinterherzulaufen
Markenunternehmen stehen vor strengen Offenlegungspflichten für ihre ESG-Berichte. Dieser Druck gibt sich natürlich direkt an die Lieferkette weiter
Doch die CO2-Bilanzierung von Druckerzeugnissen ist keine Hexenwerk. Wer die drei Kernbereiche „Material, Produktion und Logistik“ richtig erfasst, liefert Daten, denen der Einkauf vertraut
In der Praxis docken wir meist an den Rahmen des Product Carbon Footprints nach ISO 14067 an und gliedern den Lebenszyklus eines Druckprodukts in fünf Hauptbereiche:
・Rohpapier: Die Emissionen von der Zellstoffherstellung bis zur Anlieferung in der Druckerei. Das ist in der Regel der größte CO2-Treiber des gesamten Auftrags
・Druckfarben und Verbrauchsmaterialien: Umfasst Herstellung und Verbrauch von Sojadruckfarben, wasserbasierten Druckpasten oder regulären UV-Farben
・Energieverbrauch im Druck: Der Stromverbrauch für den Druckmaschinenlauf und das Betriebsgelände. Dies hängt stark von der Stromzähler-Struktur und der Energieeffizienz der Anlagen ab
・Weiterverarbeitung und Veredelung: Deckt den Energiebedarf von Nachbearbeitungsschritten wie Lackierung, Stanzung, Folienprägung und Bindung ab
・Logistik und Transport: Die letzte Meile von der Druckerei bis zum vom Kunden vorgegebenen Zielort. Dieser Punkt wird bei Berechnungen am häufigsten übersehen

Warum macht Rohpapier immer den größten Anteil der CO2-Emissionen aus?
Viele Designer glauben, dass der Umstieg auf Soja-Druckfarben die Emissionen drastisch senkt. Tatsächlich ist aber das Papier der wahre Hauptemittent
Die Papierherstellung benötigt enorm viel Wasser und Thermie. Kommt dann noch Importpapier zum Einsatz, wiegen die Emissionen der internationalen See- oder Luftfracht zusätzlich schwer
Aus meiner Praxis mit klassischen Bilderkatalogen und Kartonverpackungen weiß ich: Der CO2-Anteil des Rohpapiers liegt häufig bei über 60 oder gar 70 Prozent der Gesamtemissionen
Deshalb rate ich Kunden stets: Wer Emissionen schnell reduzieren will, sollte zuerst die Papierspezifikationen und die Verpackungskonstruktion prüfen
・Bevorzugen Sie Papiere mit FSC- oder PEFC-Zertifizierung, um eine legale und nachhaltige Holzherkunft zu garantieren
・Prüfen Sie den Wechsel auf Recyclingpapier mit hohem Altpapieranteil. Achten Sie dabei jedoch auf Saugverhalten und Farbwiedergabe – das erfordert fundierte Erfahrung im Farbmanagement
・Hinterfragen Sie Verpackungsgewicht und Grammatur. Wer ein Chromokarton von 350 g/m² auf 300 g/m² reduziert, spart oft erhebliche Emissionen und Beschaffungskosten
Wo findet man verlässliche Emissionsfaktoren?
Die größte Hürde bei der CO2-Bilanzierung ist selten die Mathematik, sondern das Beschaffen belastbarer Daten
Man multipliziert die internen Aktivitätsdaten (Material- und Stromverbrauch) mit dem jeweiligen Emissionsfaktor (CO2-Ausstoß pro Einheit), um das Endergebnis zu erhalten
Aktivitätsdaten stammen aus Ihren täglichen Bestellungen, Produktionsberichten und Stromabrechnungen. Für die Emissionsfaktoren braucht es jedoch eine fundierte Basis
・Fordern Sie zuerst produktspezifische CO2-Bilanzen oder Deklarationen direkt bei Papier- und Farbenherstellern an – das sind die präzisesten Primärdaten
・Können Lieferanten keine Daten liefern, greifen Sie hilfsweise auf Sekundärdaten aus öffentlichen Datenbanken zurück
・Beim Stromverbrauch müssen die aktuellsten offiziellen Strommix-Emissionsfaktoren verwendet werden (z. B. der taiwanische Faktor für 2023 mit 0,495 kg CO2e/kWh)
・Ein häufiger Berechnungsfehler ist das Vermischen von Stromfaktoren unterschiedlicher Jahre oder Länder – das entwertet den gesamten Bilanzbericht
Wie sollte das Datenformat für Markenkunden strukturiert sein?
Nach der Berechnung der Gesamtwerte kommt der entscheidende Schritt: Wie bereitet man die Ergebnisse für den Kunden auf?
Einkäufer suchen keine unverständlichen Riesenzahlen, sondern konkrete Kennzahlen, die sich direkt in den GRI-Rahmen ihrer ESG-Berichte einpflegen lassen
Deshalb muss bereits zu Beginn der Bilanzierung die funktionelle Einheit (Functional Unit) klar definiert werden
・Bei Großbestellungen einzelner Artikel wird die Emission meist pro 1.000 oder pro 10.000 Druckexemplare angegeben
・Bei komplexen Verpackungsschachteln oder gemischten Sets empfehle ich die Angabe pro Kilogramm Druckprodukt, was dem Kunden die konsolidierte Berechnung erleichtert
・Der Systemgrenzen-Verlauf muss im Bericht eindeutig ausgewiesen sein, inklusive der Transportlogistik auf der letzten Meile. Das sichert die Vollständigkeit und schützt vor Greenwashing-Vorwürfen
・Börsennotierten Großkunden empfehle ich den Aufbau eines schlanken Erfassungsprozesses für Verpackungsdaten samt Belegarchivierung, um bei Bedarf Verifizierungen durch Drittanbieter (wie SGS oder BSI) zu ermöglichen

Das Wichtigste auf einen Blick
・Die CO2-Bilanzierung im Druck ist machbar: Wer Rohpapier, Farben, Energieverbrauch, Weiterverarbeitung und Logistik erfasst, dockt problemlos an den Standard ISO 14067 an
・Papier ist der Hauptemittent: Reduzierung der Grammatur sowie der Umstieg auf FSC-zertifiziertes Papier oder Recyclingpapier bringen die schnellsten Einsparungen
・Verwenden Sie einheitlich die neuesten Strom-Emissionsfaktoren und verlässliche Datenbanken. Das Vermischen von Jahrgängen oder Länderdaten ist eine typische Stolperfalle
・Stimmen Sie vor der Datenübergabe ab, ob die funktionelle Einheit pro 1.000 Stück oder pro Kilogramm angegeben werden soll, damit der Einkauf die Werte nahtlos in den ESG-Bericht übernehmen kann
Fazit und Ausblick
Für Druck-Lohnbetriebe und Verpackungshersteller ist die Bereitstellung von CO2-Emissionsdaten längst von einer Kür zur Pflicht bei Lieferantenbewertungen geworden
Statt bei Kundenanfragen jedes Mal manuell Berichte zu durchforsten, lohnt sich der Ausbau des eigenen Digitalisierungsgrads. Die Komplettlösungen von MINDS unterstützen dabei bereits in der frühen Design- und Materialauswahlphase
Durch die Standardisierung von Papier-CO2-Daten, Zertifizierungsnachweisen und Produktionsdaten lösen Sie das drängendste Problem Ihrer Auftraggeber, sobald Sie präzise ESG-konforme Berichte vorlegen. Genau darin liegt der echte Mehrwert moderner Druckdienstleistungen
FAQ
- Wir sind eine kleine Druckerei. Müssen wir wirklich Geld für eine CO2-Fußabdruck-Prüfung durch Dritte ausgeben?
- Für erste Kundenanfragen reicht eine transparente Berechnung nach ISO 14067 völlig aus. Handelt es sich beim Kunden jedoch um eine internationale Marke oder ein börsennotiertes Unternehmen, wird für die nötige Daten-Glaubwürdigkeit meist ein Prüfbericht einer unabhängigen Prüfgesellschaft verlangt
- Senkt der Einsatz von Recyclingpapier den CO2-Fußabdruck von Druckerzeugnissen wirklich?
- In der Regel ja, da energieintensive Prozesse der Holzernte und Zellstoffgewinnung entfallen. Da Recyclingpapier jedoch anspruchsvoller im Farbmanagement ist, empfiehlt es sich, bereits in der Designphase einen Druckberater hinzuzuziehen, um das Farbverhalten und den Farbauftrag zu prüfen
- Wie lässt sich der CO2-Ausstoß der Logistik präzise berechnen?
- Dazu benötigen Sie Fahrzeugnutzlast, Kraftstoffverbrauch und die gefahrenen Kilometer der Lieferfahrzeuge. Bei externen Speditionen können Sie CO2-Schätzungen pro Transportfahrt anfordern oder offizielle Emissionsfaktoren für den Güterverkehr heranziehen
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